• 11. Dezember 2020

Kurz­ge­schichten über­zeugen beim Schreib­wett­be­werb

Kurz­ge­schichten über­zeugen beim Schreib­wett­be­werb

Kurz­ge­schichten über­zeugen beim Schreib­wett­be­werb 1024 538 Dr. Buhmann Schule & Akademie in Hannover

16 Schü­le­rinnen und Schüler nahmen in einem beson­deren Jahr am Schreib­wett­be­werb teil – so viele wie noch nie. Unter den Mottos “Abstand” und “zu Hause” teilten sie teils sehr emotio­nale Geschichten und gaben auch Einblicke, wie diese Genera­tion durch die Corona-Pandemie beein­flusst wird.

Die Sieger­eh­rung des Schreib­wett­be­werbs ist ein fester Bestand­teil in der Vorweih­nachts­zeit an der Dr. Buhmann Schule & Akademie. Bei Kaffee und Plätz­chen versam­meln sich die Teil­nehmer des Wett­be­werbs sowie Jury und Lehr­kräfte norma­ler­weise vor dem Tannen­baum. In einem so beson­deren Jahr wie 2020 fiel dieser Rahmen aus, statt­dessen trafen sich die Geschich­ten­er­zäh­le­rinnen und -erzähler mit Maske in einem Klas­sen­raum.

Die 16 Schü­le­rinnen und Schüler der Fach­ober­schulen und Berufs­fach­schulen an der Dr. Buhmann Schule waren im Herbst dem Aufruf gefolgt, zu den Themen “Abstand” oder “zu Hause” eine Kurz­ge­schichte zu verfassen und einzu­rei­chen. Und dass die Corona-Pandemie einen enormen Einfluss auf die junge Genera­tion hat, wurde bei einigen einge­reichten Geschichten deut­lich. Emotional waren auch Texte, die keinen direkten Bezug zur aktu­ellen Situa­tion hatten, aber andere äußerst nach­denk­liche Themen anschnitten, so auch die Sieger­ge­schichte.

Die Jury um Schul­lei­terin Chris­tina Gallus wurde auch in diesem Jahr durch die Deutsch­leh­re­rinnen Dr. Mari­anne Wurth und Heike Williams sowie den ehema­ligen Kultur­re­dak­teur der Hanno­ver­schen Allge­meinen Zeitung Karl-Ludwig Baader ergänzt. Komplet­tiert wurden die Vier erneut von zwei Studen­tinnen der Dr. Buhmann Akademie. Diesen Part über­nahmen Luise Norberg und Alicia Katha­rina Räck. Von den einge­reichten Geschichten prämierte die Jury die ersten drei Plätze sowie eine weitere Geschichte als Sonder­preis jeweils mit Geld­preisen.

Folgende Schü­le­rinnen und Schüler wurden für ihre Geschichten ausge­zeichnet:

Jana Sievers (1. Platz)
Esatou Lina Davies (2. Platz)
Lea-Marie Brink­mann (3. Platz)
Finn J. Völkel (Sonder­preis)


Den Sieger­text gibt es hier zum Nach­lesen:

Mein Leben – meine Macht von Jana Sievers

Es ist ein wunder­schöner Morgen. Die Welt schläft noch; wie immer, wenn ich aufstehe. Schweren Herzens reiße ich meinen Blick von dem Fenster los. Die Schnee­land­schaft ist einfach zu schön, der See, die Berge und das verschneite Garten­haus, einfach wunderbar. Mein Blick geht vom Fenster zur Uhr – 4 Uhr 29 – und bleibt am Spiegel hängen, an meinem frisch gewa­schenen und noch nassen Gesicht. Meine Augen wandern nach oben. Da ist sie wieder. Von Tag zu Tag wird sie größer. Diese Lücke – sie wird immer größer. Meine Haare sind bald nicht einmal mehr zu sehen. Der Abstand dieser zwei braunen behaarten Haar­streifen ist zu groß. Anfangs habe ich es ja noch nach­ge­messen, aber inzwi­schen …. Inzwi­schen habe ich Angst vor dieser großen kahlen Zahl. Je größer die Lücke auf meinem Kopf, umso leerer und schwerer fühle ich mich. Außerdem verspüre ich Zorn – Zorn auf die Lücke, den Abstand von Haar­bü­schel zu Haar­bü­schel. Mir läuft eine Träne über die Wange.

Ich wische sie mit meinem Hand­rü­cken weg, löse meinen Blick vom Spiegel und schaue auf die Uhr. 4 Uhr 32. Ich schaue nach draußen. Ein Blitz zieht über den Himmel und eine Genug­tuung kommt in mir auf. Ein Gefühl der Erleich­te­rung und Zufrie­den­heit über­kommt mich. Ich öffne die Schub­lade, die links neben dem Wasch­be­cken ist, und hole den Rasierer heraus. Ich habe mir noch nie den Kopf rasiert. Aber das Gefühl, wenn ich den Rasierer von vorne nach hinten schiebe, fühlt sich gut an. Es löst ein Krib­beln auf der Kopf­haut aus und hinter­lässt einen kahlen Streifen. Es löst ein Gefühls­chaos in mir aus. Mein Herz geht auf. Ich habe mich noch nie so gefreut und mir wird die Last genommen. Aber am schönsten ist das Gefühl der Macht. – Macht darüber zu haben, wie meine Haare aussehen.

Ich sage dir den Kampf, ich stelle mich dir. Meine Haare nehmen von mir Abstand, aber du nimmst sie mir nicht. Ich habe sie mir rasiert. Ich habe mir eine Glatze rasiert und ich habe mich noch nie so gut gefühlt. Ich werde dich los; ich nehme Abstand von dir. Du bist nur ein kleiner böser Teil in mir. Eine kleine böse Krank­heit – und ich werde nicht an dir sterben. Ich lege Papas Rasierer zurück in die geord­nete obere Schub­lade, schaue auf die Uhr – 4 Uhr 38 – danach in den Spiegel und grinse. – Krebs.

X